Ortsverein Neumarkt

    "Das kann doch jeder!"

    Podiumsdiskussion Sorgeberufe

    "Das kann doch jeder!"

    Who cares kb Who cares

    Podiumsdiskussion Sorgeberufe in Neumarkt

    Anlässlich der Ausstellung "Who cares? Sorgeberufe" fand am 17. April eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Veranstalter und Kooperationspartner im Landratsamt Neumarkt statt. Für ver.di diskutierte Judith Lauer, die bei der ver.di Bundesverwaltung für den Bereich Altenpflege und Sozial- und Erziehungsdienst zuständig ist, mit.

    Sozialministerin Emilia Müller ließ sich kurzfristig entschuldigen und ihre Grußworte durch Staatssekretär Albert Füracker überbringen. In diesen unterstrich sie die hohe Bedeutung der Pflege- und Sorgeberufe, sowie die Notwendigkeit, für diese bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, nicht zuletzt um bei den durch einen sehr hohen Frauenanteil geprägten Berufen für eine weitere echte Gleichberechtigung zu sorgen.

    Nach einer Begrüßung durch den Schirmherr, Landrat Willibald Gailler, führte Prof. Dr. Barbara Städtler-Mach mit einem Impulsreferat in das Thema ein. Dabei nahm sie den Titel der Ausstellung - "Who cares?"- auf und provozierte mit der Frage: "Warum sind wir eigentlich heute hier, wenn wir doch schon alle Bescheid wissen, um was es geht?" Damit bezog sie sich auf beiden Bedeutungen des Ausstellungstitels: Wer kümmert sich? - Wen kümmert´s?  Jeder wisse, wer diejenigen sind, die sich kümmern. Jeder mit einem Kind, einem kranken Verwandten, einem pflegebedürftigen Freund oder einer behinderten Bekannten könne sich ein genaues Bild davon machen, was Sorgeberufe sind. Das Bild werde genauer, je höher die eigene Betroffenheit sei. Und damit, so Prof. Dr. Städtler-Mach, befänden sich die Sorgenden in einem Spannungsfeld zwischen Bewunderung und Geringschätzung: Zum einen hörten sie oft: "Das könnte ich nie!" - Bezogen auf die anstrengenden Arbeitsbedingungen oder auch die Herausforderungen bezüglich unangenehmer Tätigkeiten. Zum anderen hieße es aber auch oft: "Das kann doch jeder!", gerade, wenn die Beschäftigten eine höhere finanzielle Anerkennung ihrer qualifizierten Tätigkeit forderten. Da stelle sich die Frage, ob es die Gesellschaft tatsächlich kümmere.

    Bei der Podiumsdiskussion stellten VertreterInnen der Kooperationspartner die vielfältigen Herausforderungen der Sorge- und Pflegeberufe dar: Gewachsene Anforderungen, Arbeitsverdichtung hohe Flexibilität, geringe Vergütung, drohende Altersarmut, Finanzierungsnot, Personalmangel. Das Podium war sich einig: Eine Kehrtwende muss her, sonst steuerten wir "sehenden Auges auf die Katastrophe zu", wie es Herr Krautz, Leiter des Pflegedienstes der Kliniken des Landkreises Neumarkt, ausdrückte.

    Judith Lauer präsentierte die aktuelle Aufwertungskampagne für soziale Berufe von ver.di, bei denen genau das Problem der systematisch unterbewerteten Frauenberufe in einer Tarifverhandlung angegangen wird. ver.di fordert neue Eingruppierungsvorschriften für die sozialen Berufe, von denen Beschäftigte in der Sozial-, Kinder - und Jugendhilfe um durchschnittel 10 Prozent profitieren könnten. "Wir wollen hören, was die betroffenen Frauen zu sagen haben - und  gemeinsam mit ihnen ihre Interessen durchsetzen." Es sei an der Zeit, nicht nur auf die Versprechungen von PolitikerInnen zu warten, sondern sich gewerkschaftlich zu organisieren und dies in die eigene Hand zu nehmen. Selbst mit einigen kirchlichen Trägern seien inzwischen die ersten Tarifverträge abgeschlossen worden - und das, wo es jahrelang für kirchliche viele Beschäftigte unvorstellbar war, sich einer Gewerkschaft anzuschließen. Das ginge natürlich alles nicht von heute auf morgen. Natürlich sei die klare Unterstützung der Gesellschaft für die Pflege - und Sorgeberufe wichtig.

    Im Raum stand die offene Frage: Warum tut sich trotzdem nichts, wenn sich doch alle einig zu sein scheinen?

    "Leider muss ich feststellen, dass diejenigen, die auf diese Frage antworten müssten, nicht hier sind", bedauerte ein Besucher.