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    Diskussion zum Thema Armut "Verkauft, verraten, vergessen"

    Ortsverein Sulzbach-Rosenberg

    Diskussion zum Thema Armut "Verkauft, verraten, vergessen"

    „Verkauft, verraten, vergessen“, das ist das Schicksal der Armen in Deutschland. Begleitend zur Fotoausstellung „My home is my castle“ über prekäre Wohnverhältnisse, die noch bis zum 23. Oktober im LCC zu sehen ist, diskutierte ein fachkundig besetztes Podium über Armut in unserer Gesellschaft und Lösungsmöglichkeiten für die drängendsten Probleme.

    Sulzbach-Rosenberg. (cog) „Armut ist nicht selbstverschuldet, sondern es ist der gesellschaftliche Wille, dass die Gesellschaft auseinanderbricht.“ Mit dieser provozierenden These begann Dr. Friedrich Sendelbeck von Verdi Mittelfranken sein Impulsreferat über Armut und insbesondere Altersarmut. Schon heute liegt die durchschnittliche Rente einer Frau in Westdeutschland unter 500 Euro. Es werde behauptet, führte Dr. Sendelbeck aus, dass die Situation immer schwieriger werde, weil der Altenquotient steigt, also immer mehr alte Menschen versorgt werden müssen. Die Antwort der Politik und Wirtschaft, die Rente zu senken oder die Beiträge zu steigern, hielt der Referent für falsch. Jede Erwerbsgeneration müsse zwei Generationen unterhalten, nämlich die ältere, nicht mehr erwerbstätige, und die junge. Um 1910 mussten 100 Erwerbstätige nur für 10 Rentner aufkommen, aber auch für 90 Kinder. Heute sind es zwar 30 Rentner, aber nur noch wenige Kinder, so dass der Gesamtquotient, der vor einem Jahrhundert bei 100 lag, nicht tiefer als 85 sinken werde. „Das Sozialsystem funktioniert seit Generationen, während private Systeme angesichts der niedrigen Zinsen kritisch zu sehen sind“, stellte Dr. Sendelbeck fest, und schloss: „Im mit Abstand reichsten Land Europas leisten wir uns diese Altersarmut, dabei stinkt Deutschland geradezu vor Geld!“

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    Dr. Sendelbeck und Theo Wißmüller, bei der Diakonie zuständig für Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA), erläuterten die Berechnung der Hartz IV-Sätze. Oft seien sie falsch berechnet, zudem seien die Bescheide intransparent. Die Betroffenen können sie nicht verstehen.

    Willi Renner ist Hartz IV-Aufstocker und kennt aus der Hartz IV-Gruppe im Landkreis viele weitere Schicksale. Als ganz schwierig empfand er die Kommunikation mit den Sachbearbeitern im Jobcenter, die man nicht direkt anrufen kann und die auch auf ihren Briefen eine anonyme Nummer bleiben. Auch kritisierte er, dass im Regelsatz für Kinder und Jugendliche Ausgaben für Bildung nicht vorgesehen seien. So erkläre die Behörde, dass ein Computer im Haushalt nicht erforderlich sei, auch nicht, wenn man schulpflichtige Kinder habe, die für den Unterricht Informationen suchen müssten.

    Manfred Weiß vom Verdi Ortsverein und der Fachanwalt für Sozialrecht Markus Huber gingen auf das Motto „Fördern und Fordern“ ein. Ein Hartz IV-Empfänger müsse jede berufliche Tätigkeit annehmen. Dadurch sei ein großer Niedriglohnsektor entstanden und sehr viele Menschen seien in Leiharbeitsverhältnissen tätig. Sie fürchten, in Hartz IV zu rutschen, dieses System sei eine „Erziehung zu Gehorsam und Angst“. Das Ergebnis seien Panik, Depression und Schmerzzustände.

    Birgit Wittmann vom Amberg-Sulzbacher Verband Alleinerziehender, Elke Wolfsteiner (KASA) und Irina Frescher, die bei der Diakonie Arbeitslosen- und Schuldnerberatung anbietet, erläuterten Einzelprobleme. Dramatisch ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt, weil es in der Region keine Wohnungen gibt, die den Hartz IV-Bestimmungen entsprechen. Gerade Frauen, die sich frisch getrennt haben und dringend eine Bleibe brauchen, leiden unter dieser Situation. Auch die ständig steigenden Strompreise belasten arme Familien, weil die Kosten für Energie nicht entsprechend berücksichtigt werden.

    Viele Bürger, darunter Stadtrat Karl-Heinz Herbst sowie Brigitte Bachmann, Bürgermeisterin des Birglands und Stellvertretende Landrätin, waren gekommen und diskutierten engagiert mit dem Podium. Dabei wurde deutlich, dass es kaum möglich ist, über die lokale Politik die Situation grundlegend zu ändern. Zwei Ideen entwickelten die Diskutanten, um die Lage der Betroffenen zu entschärfen. So sollte möglichst eine Krisenstelle im Jobcenter eingerichtet werden, die in akuten Notfällen hilft. Außerdem soll ein Förderkreis entstehen, der Spenden für die Einzelfallhilfe der Diakonie sammelt, damit in dramatischen Situationen Lebensmittelhilfen und Gutscheine ausgegeben werden können.