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    Sogar die Deportation wurde den Opfern noch in Rechnung gestellt

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    Sogar die Deportation wurde den Opfern noch in Rechnung gestellt

    Welche Rolle spielte mein Arbeitgeber oder dessen Vorgänger während des Nationalsozialismus? Dieser Frage gingen Auszubildende aus den Finanzämtern der Oberpfalz bei einem Seminar unter dem Titel "Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus" auf den Grund, zu dem die Fachgruppe Finanzen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) eingeladen hatte.

    Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg diente als Veranstaltungsort, da sich im nur zwölf Kilometer entfernten Wöllershof von 1938 bis 1943 eine Reichsfinanzschule befunden hatte, in der damals angehende Finanzbeamte ausgebildet wurden. Außerdem konnte das Seminar so zunächst durch einen Rundgang durch die KZ-Gedenkstätte in einen größeren Kontext eingebettet werden, indem sich die Beamtenanwärterinnen und -anwärter und von der menschenverachtenden Maschinerie des Konzentrationslagers ein Bild machen konnten. Etwa 100.000 Menschen waren zwischen 1938 und 1945 in Flossenbürg und seinen annähernd 90 Außenlagern interniert, von denen mindestens 30.000 hier ums Leben kamen.

    Anschließend wurde die Rolle der Finanzverwaltung im Nationalsozialismus im Bildungszentrum der KZ-Gedenkstätte näher beleuchtet. Klaus-Dieter Gössel, pensionierter Finanzbeamter und ver.di-Personalrat aus Berlin, informierte über den großen Zuspruch von Beamten für die NSDAP sowie die unmittelbaren Schritte, die zur Umgestaltung des Staatsdienstes zu einem nationalsozialistischen Werkzeug getätigt wurden. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums war das erste, in dem die rassistischen Forderungen der Nationalsozialisten umgesetzt wurden. Es führte dazu, dass Beamte ohne "Ariernachweis", Andersdenkende und Frauen aus dem Amt gedrängt wurden  - letztere, weil von ihnen gemäß des nationalsozialistischen Ideals erwartet wurde, dass sie sich rein auf ihre Mutterrolle konzentrierten.

     
    Dieser Umbau der Finanzverwaltung erleichterte die anschließenden Repressalien. Nach der Reichspogromnacht 1938 beschlossen die Machthaber, dass die jüdischen Mitbürger für die entstandenen Schäden eine Kontribution in Höhe von einer Milliarde Reichsmark aufbringen mussten. Die Opfer wurden so als Täter hingestellt. Die Einziehung dieser Strafzahlung wurde den Finanzämtern übertragen und eine Vermögensabgabe von 20% jeden Vermögens über 5.000 Reichsmark erlassen. Viele jüdische Mitbürger waren zu dieser Zeit bereits in Konzentrationslagern inhaftiert. Sie mussten aus den KZs heraus ihre Steuerangelegenheiten erledigen und die entsprechenden Erklärungen abgeben. Viele mussten Vermögenswerte verkaufen, um die entsprechenden Steuerbeträge aufzubringen. Zahlreiche Häuser, Firmen und Kunstgegenstände wurden so "arisiert".

    Nach der der erfolgten Verschleppung in die Vernichtungslager wurden sämtliche Vermögenswerte durch die Finanzverwaltung eingezogen und verwertet - eine wahre "Schnäppchenjagd der Volksgenossen".

    Anhand einer Steuerakte rekonstruierte Gössel das Schicksal des jüdischen Bürgers Siegfried W. Von der Vermögenserklärung über Steuerbescheide, Gutachten über Wertgegenstände, diverser Schriftverkehr bis hin zur Niederschlagung festgesetzter Steuern "da der Jude das Reichsgebiet verlassen hat",  so war es in der Akte zu lesen. Seine Spur verliert sich nach der Deportation in den Osten, deren Fahrtkosten dem Opfer noch in Rechnung gestellt wurden. Die peinlichst genaue Aufzeichnung der Wertgegenstände für die anschließende Versteigerung entsetzte die Seminarteilnehmer und verdeutlichte die Akribie der Behörde bei der Enteignung und absoluten Verwertung der Opfer des Nationalsozialismus.

    "Wir sehen wie tief die einzelnen Finanzbeamten in die Maschinerie des Holocausts verstrickt waren - auch wenn sie sich durch Vorschriften im Recht fühlten", kommentierte Gewerkschaftssekretärin Kathrin Birner. "Wenn wir die Forderung, dass Auschwitz nicht noch mal sei, ernst nehmen wollen, ist es wichtig, dass Menschen nicht nur nach der Legalität, sondern auch der Legitimität ihrer Taten fragen."

    Genau das Gegenteil wurde damals jungen Auszubildenden in der nahe gelegenen Reichsfinanzschule in Wöllershof vermittelt.  Die Ausbildung dort beinhaltete daher auch die entsprechende Schulung im Fach "Nationalsozialismus" sowie militärische Übungseinheiten am Nachmittag. Daher zeigte sich  ver.di-Fachgruppenvorsitzender Dieter Weiß erfreut über das Interesse der angehenden Finanzbeamten an der Geschichte ihrer Vorgängerbehörde: "Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich junge Menschen in Zeiten eines zunehmend feindseligen Klimas für die Lehren aus dem Nationalsozialismus interessieren und bereit sind, sich für Toleranz und Menschenfreundlichkeit einzusetzen."