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    Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus

    Ortsverein Sulzbach-Rosenberg

    Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus

    Dr. Patrick Schreiner ver.di Dr. Patrick Schreiner

    Auch wenn es viele Menschen nicht wahrhaben wollen und glauben, selbst über ihr Leben zu entscheiden, der Neoliberalismus prägt das Leben der Menschen in vielen Bereichen. Diese These vertrat bei einer Bücherlesung des ver.di-Ortsvereins im Bayerischen Hof Dr. Patrick Schreiner, der in der ver.di Bundesverwaltung in der Abteilung Wirtschaftspolitik tätig ist.

    Einerseits werde der Begriff Neobliberalismus zugleich als politischer Kampfbegriff, als analytischer Begriff zur Bezeichnung einer Ideologie beziehungsweise einer politischen Strömung oder als politisches Schimpfwort verwendet, erläuterte der Referent. Je nach eigener Positionierung werde er abgelehnt oder positiv besetzt, wobei längst neoliberales Denken nicht nur in der Politik, sondern auch in den Alltag der Menschen Einzug gehalten habe. So sei manches, was zunächst unpolitisch erscheine, bei genauerer Betrachtung deutlich von neoliberalen Vorstellungen geprägt. Diese seien in Lebenshilfe-Ratgebern genauso vorhanden, wie in der Esoterik, im kulturellen Bereich, beim Sport und in vielen anderen Bereichen. Und nicht zuletzt wirke sich der Neoliberalismus auf die Art und Weise aus, wie Menschen Waren und Dienstleistungen konsumieren.

    Neoliberale Ideologen werden von ihren Vertreterin in der Gesellschaft und der Politik damit gerechtfertigt, dass sie deren Vorstellungen von Mensch und Gesellschaft als normal und alternativ bezeichnen. Dies geschehe etwa, wenn durch Seifenopern und Stars bestimmte Lebensläufe und Lebensstile als ideal präsentiert werden. Oder, wenn Bildung einzig dem persönlichen beruflichen Erfolg und die Verwertbarkeit des erworbenen Wissens am Markt dienen solle, schilderte der Autor. Dazu gehöre ebenfalls, wenn Werbung das Konsumieren als Streben nach sozialer Positionierung anpreist. In neoliberaler Manier werden Egoismus und Selbstverantwortung gefeiert, wenn im positiven Denken und in der Esoterik die innere Veränderung der Menschen als einzig zielführende Lösung für persönliche und gesellschaftliche Probleme dargestellt werde. Nicht Soliarität und sozialer Ausgleich, sondern Marktprinzipien und Vereinzelung bilden die Grundlage neoliberaler Gesellschaften. „Mit der Privatisierung sozialer Sicherungssyseme und öffentlicher Unernehmen werden menschliche Schicksale privatisiert und Gewerkschaften und Arbeinehmer geschwächt“, betonte Patrick Schreiner.

    Glücklich und zufrieden werden die Menschen jedoch dadurch nicht, im Gegenteil:
    Obwohl die wirtschaftliche Produktivität noch nie so hoch war wie heute und die gesellschaftliche Armut nicht mehr so groß ist, wie vor einigen Jahrzehnten und auch die Produkt- und Markenvielfalt einen Höchstsand erreicht habe, bleiben immer mehr Bedürfnisse der Menschen ungestillt. Beweis dafür sei die extreme Zunahme an Ratgeberbücher, Therapeuten und spirituellen Angeboten. Immer mehr Menschen leiden an Burnout und Depression und der Gebrauch von Alkokolika, Drogen und Psychopharmaka war noch nie so verbreitet wie heutzutage. „Der Neoliberalismus prägt das Fühlen, Denken und das Handeln der Menschen, ihr Selbstbild und ihre Identität“, bilanzierte der Autor, auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen.

    Zitat:
    Mit der Privatisierung sozialer Sicherungssysteme und öffentlicher Unternehmen werden menschliche Schicksale privatisiert und Gewerkschaften und Arbeitnehmer geschwächt.
    Patrick Schreiner

    Vorstellung des Autors
    Partrick Schreiner ist promovierter Politikwissenschaftlicher, hauptamtlicher Gewerkschafter und Publizist. Arbeitsmarktschwerpunkte sind Finanz- und Wirtschaftspolitik, Verteilung und politische Therorien.

    • Unterwerfung als Freiheit
      Leben im Neoliberalismus
      PapyRossa Verlag 2015, Köln
      ISBN 978-3-89438-573-6
      11,90 Euro