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    Fachbereichszeitung drei.61 (2017)
    drei.61 (2017) ver.di drei.61 (2017)  – Wir brauchen dich!

     
    Entlastung gibt es nur, wenn viele dafür aktiv werden. Beschäftigte katholischer Kliniken im Saarland machen es vor.

    In den katholischen Krankenhäusern des Saarlands ist es wie überall: Die Pflegenden sind am Ende ihrer Kräfte, Patient/innen können nicht angemessen versorgt werden. Doch etwas ist anders: Beschäftigte der Marienhaus-Klinik Ottweiler, im Caritas-Klinikum Saarbrücken und anderen kirchlichen Einrichtungen wollen das nicht länger hinnehmen. Zusammen mit den Belegschaften aller saarländischer Kliniken fordern sie Entlastung. Und sie sind zum ersten Mal bereit, dafür zu streiken. Dadurch sehen sich die kirchlichen Arbeitgeber gezwungen, Gespräche mit ver.di zu führen. Schon das ist ein erster Erfolg. Doch ohne wirkliche Verbesserungen geben die Kolleginnen und Kollegen keine Ruhe.

    Große Dynamik, viele Beitritte

    Noch vor wenigen Monaten spielte ver.di im Alltag der Marienhaus-Klinik Ottweiler keine Rolle, nur wenige Beschäftigte waren in der Gewerkschaft organisiert. Doch mittlerweile sind rund 40 Prozent der 130 Pflegekräfte ver.di beigetreten. Viel läuft über eine WhatsApp-Gruppe, bei der jede zweite Pflegekraft mitmacht. Wöchentlich kommen bis zu 30 Kolleginnen und Kollegen in ihrer Freizeit zu einem »Entlastungs-Stammtisch«. Dort wird nicht nur über den Stand der Auseinandersetzung informiert. Es finden auch grundsätzliche Diskus­sionen über Krankenhausfinanzierung, Gefährdungsanzeigen und das kirch­liche Arbeitsrecht statt. »Das gibt den Aktiven Sicherheit«, erklärt Max Manzey vom Organizing-Team von ver.di, das die Kolleg/innen unterstützt.

    »Die Kirchen haben jahrzehntelang erfolgreich das Gerücht gestreut, dass sich die Beschäftigten nicht gewerkschaftlich organisieren und nicht streiken dürften – das muss man aus den Köpfen kriegen«, sagt der Kranken­pfleger Thorsten Wälder aus Ottweiler. »Es ist sehr motivierend, wie schnell wir mehr werden und wie viel wir in so kurzer Zeit erreichen.« Auslöser der Dynamik war ausgerechnet ein Einschüchterungsversuch: Die Klinikleitung untersagte den Teams, bei einer Foto-Aktion für Entlastung mitzumachen und Bilder von den Stationen im Internet hochzuladen. Daraufhin trafen sich die Aktivist/innen privat, machten ein Foto und verteilten es per Flugblatt im ganzen Betrieb. »Das hat gezeigt, wie kreativ und flexibel man auf so etwas reagieren kann«, meint der 33-Jährige. »Man darf sich nur nicht einschüchtern lassen.«

    Nicht Bange machen lassen wollten sich die Kolleg/innen in Ottweiler auch beim Thema Streik. Ihre Strategie: Wenn mindestens 15 Beschäftigte schriftlich erklärten, sich am Arbeitskampf zu beteiligen, wollten sie bei der saarlandweiten Aktion mitmachen. Das Quorum war schon übererfüllt, als die Klinikleitung plötzlich Gespräche mit ver.di anbot. Daraufhin beschlossen die Gewerkschafter/innen, zunächst nicht in den Ausstand zu treten. »Klar ist aber: Wenn die Verhandlungen nichts bringen, ist die Streikbereitschaft wieder da«, betont der Krankenpfleger Tim Umhofer. »Wir haben ein Zeichen gesetzt: Es geht – auch in katholischen Häusern und auch wenn sich der Arbeitgeber immer wieder auf den kircheninternen Dritten Weg beruft, können sich die Beschäftigten für ihre Interessen einsetzen.«

    Das motiviert auch andere. »ver.di hat uns einen Weg eröffnet, für bessere Arbeitsbedingungen einzutreten«, sagt die Krankenpflegerin Bärbel C., die seit 27 Jahren im Caritas-Klinikum Saarbrücken arbeitet. Mit der Gewerkschaft hatte sie in all den Jahren nichts zu tun – so, wie fast alle ihrer Kolleg/innen. »Die Leitungen haben uns immer wieder eingebläut, dass wir nicht streiken dürfen«, so die 49-Jährige. »Und das war ja auch irgendwie bequem: Die anderen erkämpfen die Tarife und wir ziehen nach.«

    Doch in den vergangenen Wochen sind 25 Beschäftigte der Caritas bei ver.di eingetreten. Auslöser dafür seien die »katastrophalen Arbeitsbedingungen«, ist Bärbel C. überzeugt. Als sie anfing, seien auf ihrer Station doppelt so viele Pflegekräfte gewesen wie heute. »Mit so wenigen Leuten ist die Arbeit einfach nicht zu schaffen.« Doch statt darüber nur zu jammern, werden Saarlands Klinikbelegschaften jetzt aktiv.

    Neben Caritas und Marienhaus will auch die Uniklinik mit ver.di über Entlastung verhandeln. Ob etwas bei den Gesprächen herauskommt, war zu Redaktionsschluss noch unklar. Auch, ob die Landesregierung ihr Versprechen hält, gesetzliche Mindestbesetzungen in der Pflege auf den Weg zu bringen. Sicher ist: Die Beschäftigten der saarländischen Krankenhäuser haben schon viel bewegt. Und sie wollen dranbleiben – gemeinsam und trägerübergreifend.

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    Dieses und viele weitere Themen in der aktuellen drei.61